Montag, 17.07.2017

Autokino oder die fragwürdige Idylle im Hochmoor

Im Moor müsst Ihr Euch das so vorstellen:  Es ist unglaublich still. Da zwitschern keine Vögel, da zirpen keine Grillen, da sind keine Menschen, alles was man hört sind die eigenen Schritte und wenn man stehenbleibt hört man nichts mehr. Es ist unglaublich schön. Die Landschaft ist sehr reduziert, es gibt keine Bäume, keine Büsche, nur krautiges niedriges Zeug und das meiste ist grün. Ich habe da immer das Gefühl, dass meine Sinne ein bißchen schärfer werden, wenn nicht so ein akustischer und optischer Overflow auf mich einwirkt.

Guckt Euch mal die Gegend bei Google Earth an, dann wisst Ihr was ich meine.

Und dann kommen wir zurück auf den Campingplatz. Das ist kein richtiger Campingplatz wie man sie auf dem Festland kennt. Das ist einfach nur die einzige flache und trockene Stelle in diesem riesigen Moor, an dieser langen Straße die hier durchführt. Da hat ein schlauer Schotte erst eine Brauerei gegündet und dann ein Sanitärhäuschen gebaut und ein Preisschild aufgestellt. Ok, ein paar Stromanschlüsse und eine Wasserzapfstelle gibt es auch.
Man sollte meinen, hier sitzen ein paar unerschrockene Hanseln andächtig und still in der Natur und reden wenig. Nun ja. In der letzten halben Stunde war es hier so:

Ein kleineres Wohnmobil mit der Aufschrift "Bunkcamper" fährt ein und sucht umständlich und unter viel Rangieren einen leicht schiefen Platz auf. Ihm folgt der wahrscheinlich langsamste Italiener der Welt. Er hält 17mal an, steigt aus, steigt ein, fährt laaangsaaam ein paar Meter, steigt aus, steigt ein usw.  Während wir das noch beobachten erscheint ein Airstream, diese amerikanischen silbernen zigarrenförmigen Wohnwagen.

Auftritt der Schweizer: 5 sehr sehr junge Schweizer in einem sehr sehr alten Wohnmobil entern schwungvoll den Platz und stellen sich krumm und schief und unter reichlich aus den offenen Fenstern und Türen (!) brüllend in eine Lücke am Stromanschluß.

Der Bunkcamper stellt fest, dass sein Stromkabel zu kurz ist und wendet in 48 Zügen seine Karre. Steht jetzt noch schiefer, aber das Kabel reicht. Nun kommt ein weißes "Motorhome Hire" an. Es stiegen eine Menge Leute aus (5 oder 6, mutmaßlich Italiener) und schwärmten sternförmig aus um den Platz zu inspizieren.

Der langsame Italier hat beim 18. Zwischenstopp seine Frau vergessen,  die läuft hinter ihm her. Währenddessen rennt ein kleiner bebrillter Junge mit einem Wasserkessel kreuz und quer zwischen allen Wohnmobilen rum, dengel kabengel kadengel.

Der schlaue Schotte erklärt den Schweizern, dass der geschotterte Teil mit den Stromanschlüssen teurer ist, alle hüpfen an Bord und parken unter viel unverständlichem Krakeele, mehreren Anläufen mit Vollgas in bedenklicher Schräglage und hängendem Heck auf einem abfallenden Stück Wiese ein.

Der Italiener hat seine Frau wieder aufgenommen und parkt jetzt mit dem Temperament von Plattentektonik  und der Geschwindigkeit einer Wanderdüne dem neben ihm stehenden Bulli die Schiebetür zu.

Auftritt der Vampire: Ein kunterbunt bemalter (ich glaube) Kangoo mit einer großen Fledermaus auf der Seite und der Aufschrift "Fang Face" auf der einen und "bad ass" auf der anderen Tür stürmt beherzt den Platz und stoppt an der Wasserstelle.

Die Schweizer haben Tisch und Stühle von ihrem Dach aus auf die Wiese geworfen und stellen einen Topf Basilikum (Ihr kennt die aus dem Supermarkt mit der Folie drumherum?) auf den Tisch. Nun sitzen sie drumherum und jeder zupft sich ein bis zwei Blättchen. Ob das Nahrungsbudget für die Camp-Gebühr draufgegangen ist?)

Ein Mann mit Neoprenanzug (ehrlich!) kommt aus dem Nirgendwo mit einer Spülschüssel voller Geschirr in der Hand und verschwindet in der silbernen amerikanischen Zigarre. Hat die Besatzung den mit dem Zeug an einem Wasserfall zum Spülen ausgesetzt? Der Italiener - zufrieden mit sich, der Welt und seinem Stellplatz - sitzt auf dem Vordersitz, trinkt Wein und verspeist in rascher Folge ungefähr 15 BabyBel-Käse.

Erst jetzt entdecken wir John Wayne, im Hintergrund steht ein alter Mann mit O-Beinen, einem Karohemd und einem Cowboyhut und betracht wie wir das Geschehen. Über den knirschenden Kies erscheint ein schwarzglänzender amerikanischer Pickup mit 4 hysterisch kläffenden Hunden auf der Ladefläche, umrundet einmal flott den Platz und verschwindet wieder Richtung Horizont.

Die Besatzung des Motorhome Hire ist wieder eingetroffen. Zu unserem Entzücken agieren sie wie dieTeam-Tage des Kindergartens Winningen, stehen im Kreis und jeder berichtet einzeln von seinen Erkenntnissen, während die anderen andächtig lauschen. Wir erwarten jeden Moment dass ein Flipchart aufgestellt wird. Das Ergebnis der Beratungen erschöpft sich dann darin, dass das Wohnmobil 3,80 Meter nach hinten gerollt wird und so verbleibt.

Wir sind fassungslos ob des überbordenden Wildlife hier im Nirgendwo, betrachten den Italiener beim stillen Verdauen seiner Käsemahlzeit und die Horde fröhlicher Jungschweizer beim friedlichen Äsen.

Der Platz ist nun voll und langsam kehrt Ruhe ein. Auch die Vampire haben nach einer letzten Platzrunde ein Fleckchen gefunden, von dem aus sie - ähm ja was? jagen? WIr denken nicht weiter darüber nach.

Ich schwöre, es war genau so. Und ich schwöre ebenfalls, dass ich noch keinen Tropfen Alkohol heute hatte und als letztes schwöre ich, dass ich aber genau jetzt anfange, mich zu besaufen.